Nickelfreie Ohrringe: Was das Etikett verspricht und was am Ohr zählt

Material · Nickelfreie Ohrringe

Von Maria-Anna, Schmuckexpertin · 9 Min. Lesezeit

Frau streicht sich das Haar hinters Ohr, am Ohrläppchen sitzt ein runder goldener Ohrstecker

Das Wichtigste in Kürze

Nickelfreie Ohrringe im Wortsinn gibt es fast nur aus Titan, Niob, Platin oder medizinischem Kunststoff. Alle gängigen Schmuckstähle enthalten Nickel, auch 316L. Für empfindliche Ohren zählt nicht der Gehalt, sondern die Abgabe an die Haut: Der EU-Grenzwert liegt bei 0,5 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche.

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Vor ein paar Wochen schrieb mir eine Kundin, sie habe sich zum dritten Mal nickelfreie Ohrringe gekauft und zum dritten Mal seien die Ohrläppchen abends heiß geworden. Auf jeder Verpackung habe „nickelfrei“ gestanden. Sie fragte, ob sie einfach Pech habe.

Sie hatte kein Pech. Sie hatte ein Wort gekauft, das im Schmuckhandel viel lockerer benutzt wird, als es klingt. Ich erkläre hier, was Nickelabgabe von Nickelgehalt unterscheidet, welche nickelfreien Ohrringe ihren Namen wirklich verdienen und woran du erkennst, ob ein Paar deinem Alltag standhält. Vor allem aber zeige ich dir die Stellen am Ohrring, an denen es in meiner Beratung am häufigsten schiefgeht. Denn dort, nicht am Etikett, entscheidet sich eine Nickelallergie am Ohr.

Welche Ohrringe lösen keine Allergie aus?

Keine Allergie auslösen kann nur ein Material, das kein Nickel abgibt. Das trifft auf Reintitan, Niob, Platin und medizinischen Kunststoff zu. 316L EdelstahlMedizinisch eingesetzte Stahlsorte mit der Werkstoffnummer 1.4404, auch für chirurgische Instrumente verwendet. Das enthaltene Nickel bleibt im Gefüge gebunden. und Chirurgenstahl geben so wenig ab, dass sie für die meisten empfindlichen Ohren geeignet sind. Im Handel laufen trotzdem fast alle diese Materialien als nickelfreie Ohrringe. Vergoldetes Messing fällt aus, sobald die Auflage dünn wird.

Material Nickelabgabe Eignung am Ohr Vorteile Hinweise
Reintitan keine, enthält kein Nickel sehr gut, auch bei starker Nickelallergie am Ohr sehr leicht, korrosionsbeständig matte Optik, Goldton nur als Beschichtung. Wir führen kein Titan
316L Edelstahl (1.4404) sehr gering, unter dem EU-Grenzwert gut geeignet für viele empfindliche Ohren hart, wasserfest, formstabil enthält 10 bis 13 Prozent Nickel im Gefüge
Chirurgenstahl identisch mit 316L wie 316L wie 316L Handelsname ohne geschützte Definition
925 Sterlingsilber gering, aber legierungsabhängig meist gut warme, weiche Optik läuft an, Nickel kann als Zusatz vorkommen
Echtgold ab 585 gering gut wertbeständig Weißgold wird teils mit Nickel aufgehellt
Vergoldetes Messing hoch, sobald die Auflage abgetragen ist für empfindliche Ohren ungeeignet günstig Auflagen liegen oft unter einem Mikrometer
Medizinischer Kunststoff keine gut in der Abheilphase federleicht kleine Auswahl, wenig Halt bei schweren Modellen

Titan steht bewusst oben, obwohl es bei uns nicht im Sortiment ist. Wer eine starke Nickelallergie am Ohr hat und auf jede Spur reagiert, fährt damit am sichersten. Für alle anderen ist die Frage nicht „welches Metall ist absolut rein“, sondern „welches gibt im Alltag so wenig ab, dass die Haut ruhig bleibt“.

Aus der Werkstatt

Maria-Anna, Schmuckexpertin bei MERCY'S

Maria-Anna, Schmuckexpertin

Warum wir trotzdem bei 316L geblieben sind, werde ich öfter gefragt. Die ehrliche Antwort liegt in der Werkstatt: Titan ist deutlich schwerer zu verarbeiten als Stahl. Es lässt sich mit klassischen Schmuckloten kaum verbinden, federt beim Formen zurück und nimmt Hochglanzpolitur nur widerwillig an. Deshalb bleibt Titanschmuck im Handel meist bei schlichten, matten Steckern. Die feinen Formen, der warme Goldton der 18K PVD-VergoldungIm Vakuum aufgebrachte Goldschicht. Sie verbindet sich fest mit dem Stahl und bleibt deutlich länger geschlossen als eine galvanische Auflage. und Verschlüsse aus einem Guss lassen sich aus 316L fertigen, und der bleibt dabei unter dem Grenzwert. Wer allein auf maximale Reinheit optimiert, wählt Titan. Wer ein Material sucht, das Design und Verträglichkeit zusammenbringt, landet beim Stahl.

Ist in Edelstahl Nickel drin?

Ja. 316L Edelstahl enthält rund 10 bis 13 Prozent Nickel, die verbreitete Sorte 1.4301 rund 8 bis 10,5 Prozent. Trotzdem gilt 316L als verträglich, weil das Nickel im Gefüge gebunden bleibt. Gemessen wird darum nicht der Gehalt, sondern was über eine Woche in künstlichem Schweiß aus der Oberfläche gelöst wird.

Diese Prüfung ist europaweit genormt, der Grenzwert steht in Anhang XVII der REACH-Verordnung, das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit beschreibt Prüfverfahren und Werte: Für Erzeugnisse mit längerem Hautkontakt liegt er bei 0,5 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche. Ein Stahl kann diesen Wert deutlich unterschreiten, obwohl er zweistellig Nickel enthält, das zeigt schon das Werkstoffdatenblatt zu 1.4404. Genau daran scheitert das Etikett „nickelfrei“: Es beschreibt eine Zusammensetzung, die es bei Stahl nicht gibt, und schweigt über die Größe, die für eine Nickelallergie allein zählt.

Zahlen, die zählen

Falls dir im Handel übrigens „bis zu 14 Prozent Nickel“ begegnet: Die Norm nennt für 1.4404 einen Bereich von 10,0 bis 13,0 Prozent.

Wie sich das bei anderen Materialien verhält, von 925 Silber bis Messing, steht ausführlich im Beitrag zu nickelfreiem Schmuck.

Warum vertrage ich plötzlich keine Ohrringe mehr?

Wenn vertraute Ohrringe auf einmal Probleme machen, hat sich meistens nicht dein Ohr verändert, sondern der Ohrring. Die häufigste Ursache ist keine neue Nickelallergie, sondern eine durchgeriebene Vergoldung: Unter der dünnen Auflage kommt das Basismetall zum Vorschein, und das gibt bei Messing deutlich mehr Nickel ab als die intakte Oberfläche. Eine Nickelallergie kann sich außerdem erst nach Jahren des Tragens entwickeln.

In der Beratung frage ich in solchen Fällen immer zuerst nach dem Alter des Paares und nach der Stelle, an der es juckt. Sitzt die Reizung hinten am Ohrläppchen, ist oft der Verschluss aus einem anderen Metall der Auslöser, nicht der sichtbare Teil. Auch als nickelfreie Ohrringe verkaufte Paare tragen dort manchmal einen fremden Stecker. Und wer neuerdings mit Ohrringen schläft, verlängert die Kontaktzeit um ein Drittel des Tages. Ob hinter der Veränderung tatsächlich eine Nickelallergie steckt, klärt am Ende nur ein Test bei der Hautärztin. Für die Materialwahl danach findest du hier alles Wichtige.

Welche Ohrringe bei Nickelallergie?

Bei einer Nickelallergie am Ohr sind Titan und 316L Edelstahl die zwei verlässlichsten Materialien. Nickelfrei im Wortsinn ist keines von beiden. Entscheidend ist nicht der Nickelgehalt, sondern die Nickelabgabe an die Haut. Sie muss unter 0,5 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche liegen, so schreibt es die EU seit 2001 vor.

Für die Materialfrage zählen am Ohr vier Dinge:

Tragedauer

Ohrringe bleiben oft Tag und Nacht drin. Der Grenzwert wird deshalb über eine ganze Woche gemessen, nicht über eine Stunde.

Gewicht

Schwere Creolen ziehen am Stichkanal. Was dann brennt, ist häufig mechanische Reizung und keine Allergie.

Verschluss

Auf der Rückseite reibt der Verschluss. Bei günstigem Modeschmuck sitzt dort oft ein anderes Metall als vorne am sichtbaren Teil.

Stichkanal

Für Stäbe, die in durchstochene Ohren eingeführt werden, gilt in der EU der strengere Wert von 0,2 Mikrogramm.

Die Rückmeldung, die mich zu nickelfreien Ohrringen am häufigsten erreicht, klingt selten nach Diagnose. Sie klingt so: Bei den einen Ohrringen passiert nichts, bei den anderen ist das Ohrläppchen nach einem Abend heiß. Das passt zum Bild. Eine Nickelallergie am Ohr reagiert nicht auf den Namen des Materials, sondern auf die Menge Nickel, die über Stunden aus der Oberfläche in den Schweiß übergeht. Bei 316L hält die PassivschichtHauchdünne Oxidschicht, die sich an der Luft von selbst auf dem Stahl bildet und ihn nach außen abschließt. das Nickel im Gefüge gebunden. Bei vergoldetem Messing gibt es diese Schicht nicht. Dort liegt unter der dünnen Goldauflage ein Metall, das mitwandert, sobald die Auflage dünn wird.

Frau legt sich mit beiden Händen einen runden goldenen Ohrstecker ins Ohrläppchen
Nicht der Name des Materials entscheidet, sondern was über Stunden aus der Oberfläche in den Schweiß übergeht.

Auf welche Ohrringe reagiert man nicht allergisch?

Reaktionsfrei bleibt ein Ohrring dann, wenn nicht nur der sichtbare Teil stimmt, sondern auch Verschluss, Lötstelle und Beschichtung. Das gilt für nickelfreie Ohrringe genauso wie für jedes andere Paar. In meiner Beratung liegt der Fehler fast nie im Grundmaterial, sondern an einer dieser drei Stellen. Sie sind auch der Grund, warum ein Paar aus derselben Materialangabe verträglich sein kann und das nächste nicht.

Verschluss: Stecker, Brisur und Klappcreole bestehen bei günstigem Schmuck oft aus einem anderen Metall als der Vorderteil. Der Verschluss liegt hinten am Ohrläppchen und reibt bei jeder Kopfbewegung.

Lötstelle: WeichloteLote, die bei niedriger Temperatur schmelzen. Sie verbinden Schmuckteile schnell, enthalten aber häufig Nickel als Zusatz. enthalten häufig Nickel. Sie sitzen dort, wo Öse und Anhänger verbunden sind, also genau an der Kante, die auf der Haut aufliegt.

Beschichtung: Eine dünne galvanische Vergoldung liegt oft unter einem Mikrometer und ist nach wenigen Monaten durchgerieben. Danach trägst du das Basismetall. PVD-Vergoldung wird im Vakuum aufgebracht und hält deutlich länger, was für die Haut wichtiger ist als für die Optik.

Maria-Annas Tipp

Maria-Anna, Schmuckexpertin bei MERCY'S

Maria-Anna, Schmuckexpertin

Eine Kundin brachte mir dieses Frühjahr gedanklich zwei Paare mit: gleiche Materialangabe, gleicher Laden, aber nur eines davon konnte sie tragen. Des Rätsels Lösung war ein Blick auf die Rückseite. Beim verträglichen Paar war der Stecker aus demselben Stahl wie die Vorderseite, beim anderen glänzte er auffällig anders. Seitdem rate ich: Dreh jeden Ohrring einmal um, bevor du ihn kaufst.

Bei unseren Ohrringen ist der Verschluss aus demselben 316L Edelstahl wie der Rest, und die 18K PVD-Vergoldung sitzt über dem gesamten Teil. Der Stahl gibt praktisch kein Nickel an die Haut ab und hält den EU-Grenzwert von 0,5 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche ein.

In welchen Ohrringen ist kein Nickel?

Vollständig ohne Nickel sind Reintitan, Niob, Platin, hochkarätiges Gelbgold ab 750 und medizinischer Kunststoff. Alles andere im Schmuckregal enthält Nickel in irgendeiner Form, oft in Spuren, oft als Legierungsbestandteil. Streng genommen sind das die einzigen wirklich nickelfreien Ohrringe. Wer nach Ohrringen ohne Nickel sucht, sucht in der Praxis aber nach Ohrringen, die nichts abgeben.

  • Reintitan: enthält kein Nickel, wird in der Implantologie eingesetzt, optisch grau und matt.
  • Niob: chemisch verwandt mit Titan, färbbar, im deutschen Handel selten.
  • Platin: nickelfrei, aber im dreistelligen Preisbereich pro Ohrring.
  • Gelbgold ab 750: die Aufheller im Weißgold entfallen, dafür ist das Metall weich.
  • Medizinischer Kunststoff: die übliche Wahl für frisch gestochene Ohren.

Die Auswahl an Alltagsschmuck schrumpft damit stark. Deshalb ist die Frage nach der Abgabe die praktischere: Sie lässt 316L Edelstahl im Rennen, und das ist das einzige dieser Materialien, das gleichzeitig hart, wasserfest und bezahlbar ist. Du musst ihn auch nicht vor dem Sport oder unter der Dusche ablegen: Die Nickelabgabe wird ohnehin in künstlichem Schweiß über eine ganze Woche gemessen, Alltag ist im Grenzwert also schon eingepreist. Mehr dazu im Beitrag über wasserfeste Ohrringe.

Ohrstecker oder Creolen bei empfindlichen Ohren?

Bei empfindlichen Ohren sind leichte Ohrstecker die ruhigere Wahl. Sie liegen still, ziehen nicht am Stichkanal und haben eine kleine Kontaktfläche. Creolen bewegen sich mit, was die Reibung erhöht, dafür sitzt bei kleinen Modellen kein Verschluss auf der Rückseite des Läppchens.

Zwei Dinge entscheiden mehr als die Form. Das Gewicht: Alles, was zieht, reizt den Stichkanal mechanisch, und diese Reizung wird oft für eine Nickelallergie gehalten, obwohl gar kein Nickel im Spiel ist. Und die Tragedauer: Wer Ohrringe Tag und Nacht trägt, gibt der Haut keine Pause, egal wie gut das Material ist.

Wenn du gerade aus einer Phase mit gereizten Ohrläppchen kommst, würde ich mit einem kleinen Stecker anfangen und ihn ein paar Tage tragen, bevor du auf Creolen wechselst. Unsere Ohrstecker und unsere Creolen bestehen beide aus 316L Edelstahl mit derselben PVD-Vergoldung, du wechselst also nur die Form, nicht das Material. Einen Überblick über alle Ohrringe findest du in der Kollektion.

Drei Paar goldene Ohrstecker mit Verschlüssen in einer gesprenkelten Keramikschale auf Holz
Leichte Stecker liegen still, Gewicht und Tragedauer wirken oft stärker als das Metall.

Vom Etikett zur Materialangabe

Fazit

Nickelfrei ist ein Etikett. Nickelabgabe ist eine Messgröße. Wenn du beim nächsten Paar nur auf eine Sache achtest, dann darauf, ob der Shop dir sagt, aus welchem Werkstoff der Ohrring besteht und was mit dem Verschluss ist. Steht dort nur „hypoallergen“ oder „antiallergisch“, steht dort nichts.

Für den Alltag heißt das: Titan, wenn du bei einer ausgeprägten Nickelallergie auf jede Spur reagierst. 316L Edelstahl, wenn du nickelfreie Ohrringe im praktischen Sinn suchst, also ein Material, das duschen, schwitzen und schlafen mitmacht und dabei unter dem Grenzwert bleibt. Und in beiden Fällen ein leichtes Modell, dessen Verschluss aus demselben Metall ist wie der Rest.

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Maria-Anna, Schmuckexpertin bei MERCY'S

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Maria-Anna

Maria-Anna berät die MERCY'S Kundinnen seit dem ersten Tag zu Material und Verträglichkeit. Fragen zu empfindlichen Ohren und zur Nickelabgabe von Edelstahl landen täglich bei ihr. Mehr über sie erfährst du auf ihrer Seite.

Häufige Fragen zu nickelfreien Ohrringen

Was bedeutet hypoallergen bei Ohrringen?

Hypoallergen ist kein geschützter Begriff und kein Prüfsiegel. Er sagt nur, dass eine Reaktion unwahrscheinlicher ist. Belastbar ist die Angabe zum Werkstoff und zur Nickelabgabe.

Ist medizinischer Stahl dasselbe wie Chirurgenstahl?

Beide Begriffe meinen im Handel meist 316L Edelstahl. Geschützt ist keiner von beiden. Verlässlich ist nur die Werkstoffnummer, bei uns 1.4404.

Was sind medizinische Ohrringe?

Ein Handelsbegriff ohne feste Definition, wie auch Gesundheitsstecker. Gemeint sind meist Erstohrstecker aus Titan oder 316L für frisch gestochene Ohren. Entscheidend bleibt die Werkstoffangabe, nicht das Wort.

Welche Ohrringe eignen sich für empfindliche Ohren?

Leichte Modelle aus Reintitan oder 316L Edelstahl, deren Verschluss aus demselben Material besteht. Gewicht und Tragedauer wirken oft stärker als das Metall selbst.

Sind vergoldete Ohrringe bei einer Nickelallergie geeignet?

Das hängt an der Schicht darunter. Vergoldetes Messing wird problematisch, sobald die Auflage abgetragen ist. PVD-Vergoldung auf 316L Edelstahl bleibt dauerhaft geschlossen.